Jesus

Die Schuldscheine sind beglichen.

Verfasst von Heiko Kuschel am 22. April 2011 - 7:01
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Predigt am Karfreitag

Gochsheim, 14.4.2006; Schweinfurt-Auferstehung, 22.4.2011
Text: Hebr 9, 15. 26b-28

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26 ...Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde!

Ich habe hier einen Nachdruck einer Fünf-Pfund-Note aus Großbritannien. Ich hätte auch jeden anderen Geldschein nehmen können, auch 10 Euro. Aber auf den Pfund-Noten steht ein Text, der deutlich macht, worum es geht:

I promise to pay the bearer on demand the amount of 5 pounds.
Ich verspreche, dem Inhaber auf Verlangen den Betrag von 5 Pfund auszubezahlen.

Mag sein, dass ein Wirschaftswissenschaftler jetzt protestieren würde, aber dieser Gedanke hat mich schon auf meiner ersten England-Reise fasziniert, als ich den Satz das erste Mal gelesen habe: Ein Geldschein ist nichts anderes als ein Schuldschein des Staates. Keine Ahnung, was passieren würde, wenn ich zum Unterzeichner dieses Schuldscheins, also zum Finanzminister, hingehen würde und um Auszahlung bitten würde. In jedem Fall: Der Staat hat Schulden bei mir. So viel Schulden, wie ich Geld in meinem Geldbeutel mit mir herumtrage. 

Nun stellen Sie sich vor: Alle Menschen auf der ganzen Welt kämen darin überein, ihr gesamtes Geld zu verbrennen. Allen Schulden ein Ende zu machen. Niemand, nicht einmal der Staat, soll noch bei jemand anders in der Schuld stehen. 

Ja, natürlich: Es wäre ein großes Chaos. Vermutlich. Wer würde schon noch arbeiten gehen, ohne den Anreiz, dafür auch einen Lohn zu bekommen? Ein paar Enthusiasten, ja, aber die Mehrzahl der Menschen?

Unsere Wirtschaft könnte ohne Geld gar nicht existieren. Und trotzdem: Wäre es nicht für viele Menschen, sogar den Großteil der Menschheit, viel besser, wenn es plötzlich kein Geld mehr gäbe? Wenn auf einmal die drückenden Schulden weg wären, die auch bei uns in Deutschland auf immer mehr Haushalten lasten? Ganze Länder könnten aufatmen, wenn plötzlich ihre Schulden weg wären, deren Tilgung einen so hohen Anteil des Staatshaushaltes ausmachen, dass für das eigene Volk, für Straßenbau, Schulen, Infrastruktur, medizinische Versorgung nichts mehr übrigbleibt. Es gäbe keine Entlassungen mehr bei Betrieben, nur um den Gewinn von 3 auf 4 Milliarden im Jahr zu steigern. Die Menschen stünden wieder im Mittelpunkt, nicht das Geld. 

Was würde geschehen, wenn alle Menschen ihr gesamtes Geld verbrennen würden, Abschied nehmen würden von allen Schulden?

Es wäre eine Befreiung für viele – aber natürlich würde es so nicht funktionieren. Die Befreiung wäre nicht von langer Dauer, denn die gesamte Versorgung mit lebenswichtigen Dingen würde sehr schnell zusammenbrechen.
Neben dem Geld gibt es auch andere Schuldscheine. Solche, die nicht aus Papier sind – die eher aus Gefühlen bestehen. Ich stehe bei einem anderen in der Schuld. Ich habe Schuld auf mich geladen: Dinge, die uns belasten. Dinge, die schief gelaufen sind in meinem Leben.

Da gibt es Menschen, die nicht mehr miteinander reden. Im Streit sind sie auseinander gegangen, seitdem gehen sie sich aus dem Weg. Der andere hat Schuld, das ist doch klar.

Da sind Menschen, die sich einmal geliebt haben. Jetzt streiten sie jeden Tag miteinander, schon wegen Nichtigkeiten. Die Leidtragenden sind die Kinder. Wer hat Schuld? Einer von beiden? Sie beide? Die Menschen um sie herum, die sie mit ihren Problemen allein gelassen haben?

Da sind Menschen, die sich unnütz vorkommen. Auch die 83. Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, einen Job wurde abgelehnt. Wer hat Schuld? Sie selbst, weil sie nicht gut genug waren in ihren Zeugnissen? Die Arbeitgeber, die nicht mehr Leute einstellen wollen und es auch nicht können? Unsere ganze Gesellschaft, die so eine Situation einfach hinnimmt?

Da gibt es Menschen, die verhungern. Die Angaben schwanken zwischen 10000 und 40000 Kindern am Tag. Das ist mindestens alle 9 Sekunden eines. Wer trägt da die Schuld? Wir, die wir oft bedenkenlos konsumieren, was wir bekommen? Irgendwelche Wirtschaftsbosse? Die Regierungen der Länder?

Da bin ich selbst. Welche Schuld habe ich auf mich geladen? Wie oft bin ich einem anderen Menschen nicht liebevoll genug begegnet? Wie oft habe ich nur meinen eigenen Vorteil gesucht? Wie oft habe ich hinterm Rücken über einen anderen geredet? Wie oft habe ich die Wahrheit nur ein klitzekleines bisschen zu meinen Gunsten verdreht?
Jeder Mensch, ob er es will oder nicht, lädt Schuld auf sich. Unser Schuldschein-Portemonnaie ist gut gefüllt. Andere haben Fehler gemacht und uns verletzt. Wir haben Fehler gemacht, andere verletzt.

Manchen Menschen können wir kaum noch in die Augen schauen.

Wie wäre es, wenn alle Menschen auf der ganzen Welt auf einmal beschließen würden: Diese Schuld, alle Schuld der Welt, ist ab heute nicht mehr da? Unsere Schuldscheine werden verbrannt. Sie gelten nicht mehr.

Es wäre eine große Befreiung – aber auch eine Aufgabe. Denn noch immer sterben jeden Tag Menschen. Noch immer sind Menschen ohne Arbeit oder ohne Ausbildungsplatz. 

So einfach ist das nicht mit dem Vergeben von Schuld. Das wird nicht ohne Konsequenzen abgehen für unser eigenes Leben.

Nun aber ist Jesus ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

Jesus tut genau das, wonach wir Menschen uns sehnen: Er hebt die Schuldscheine auf. Er verbrennt sie. Vor Gott sind sie nicht mehr gültig. Vor Gott können wir keine Schulden mehr haben. Sie sind alle beglichen, ein für alle mal.

Wir können die Vergebung unserer Schuld annehmen. Auch wenn wir wissen: Wir werden wieder Schuld auf uns laden. Auch der Schreiber unseres Predigttextes weiß davon. Und er schreibt: Jesus wird unsere Welt heil machen. Noch ist es nicht so weit. Aber eines Tages wird er wieder kommen. Dann wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. Er wird heilen, was zerbrochen ist. Heil machen, was zerstört ist. Uns von unserer Schuld befreien. Die Schuldscheine endgültig verbrennen.

27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Bruder Judas

Verfasst von Heiko Kuschel am 21. April 2011 - 19:49
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Predigt am Gründonnerstag

Gochsheim, 24.3.2005; Schonungen, 21.4.2011

Text: Mk 14, 17-26
Und am Abend kam er mit den Zwölfen. 18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir ißt, wird mich verraten. 19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's? 20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes. 26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Liebe Gemeinde!
(2005: Die SPD in Kiel sucht den Verräter. Den, der bei der Wahl der Ministerpräsidentin nicht für Heide Simonis gestimmt hat. Den, der die geplante Regierung zu Fall gebracht hat.)

(2011: Rainer Brüderle ist der Verräter. ER ist der, der ausgesprochen haben soll, was eigentlich eh schon alle dachten: Dass das Atom-Moratorium nur wegen des Wahlkamps in Kraft gesetzt wurde. Und ein anderer musste dann dafür gehen.)

„Der ist schuld!“ heißt es schnell in solchen Fällen. Und manchmal ist es vielleicht ganz gut, gar nicht zu erfahren, wer wirklich schuld war. Denn ihm droht nichts Gutes. Wenn einer das Vertrauen des anderen missbraucht für seine eigenen Zwecke, wenn einer nach außen schön tut und dann aber anders handelt; wenn einer nach außen gut Freund ist und in Wirklichkeit der größte Feind: So etwas erleben wir immer wieder. Solche Judasse, solche Verräter, gibt es auf der ganzen Welt. „Das verzeih ich dem nie!“ - wie oft haben wir schon diesen Satz gedacht oder gesagt.

Mir sind dabei Gedanken gekommen an eine Zeit, die die meisten von uns noch in irgendeiner Form kennen; unsere Konfirmanden aber schon nicht mehr. Die Zeit, als es noch eine DDR gab, eine Mauer, eine mit Selbstschussanlagen gesicherte Grenze. Als Kind bin ich oft „rüber“ gefahren, denn wir hatten Verwandte in Ostberlin. Immer war da, vor allem bei Regimekritikern, die Angst mit dabei. Die Angst vor der Stasi, vor den Spitzeln, die überall lauerten.

Nun ist die DDR Geschichte. Aber die Menschen, die damals andere bespitzelt haben, sie leben immer noch. Sie müssen mit ihrer Geschichte leben, und mit den Menschen, die sie früher einmal bespitzelt haben. Wie soll man mit diesen Menschen umgehen? Bist heute ist das eine schwierige Frage. Ein Liedermacher aus Ostberlin, Gerhard Schöne, hat 1990, kurz nach der Wende, eine Antwort versucht auf diese Frage. „Setz dich zu mir, Bruder Judas!“ Lassen Sie uns einmal auf dieses Lied hören.

BRUDER JUDAS
(1990) T: Schöne/M: Plüss
Setz dich zu mir, Bruder Judas. Nimm vom Hals das Seil! Wisch die Tränen von den Wangen, 's ist genug kaputt gegangen und wird nicht mehr heil.
Mißtraun hast du wie ein Unkraut
zwischen uns gestreut.
Jugend aus dem Land getrieben,
eingelocht und aufgerieben
viele gute Leut'.
Schriebst ins Klassenbuch Notizen
über jedes Kind.
Lehrtest mit zwei Zungen reden,
petzen, heucheln, leise treten, 's Mäntelchen im Wind.
Trankst als einer meiner Freunde Brüderschaft mit mir. Hast in meiner Post gelesen, hinterm Telefon gesessen, gingst durch meine Tür.
Dann verfaßtest du Berichte, knüpftest einen Strick. Daraus wuchs ein Netz von Schlingen. Manchen, die sich drin verfingen, brach es das Genick.
Und ich war auch dein Komplize.
Gab dir lange Zeit
durch mein Schweigen und mein Dulden
eines jeden Mitverschulden
solche Sicherheit.
Dich hat der Verrat zerfressen.
Freundschaft ist ein Hohn.
Die Gedanken sind verdorben,
dein Gewissen fast gestorben
für den Silberlohn.
Schutzlos stehst du jetzt am Pranger.
Man darf dich bespei'n.
Die sonst nie den Mund auftaten,
niemals aus dem Schatten traten,
werfen ihren Stein.
Nimm ein heißes Bad und schrubb' dich! Bist noch lang nicht rein. Lern bereu'n, ich lern vergeben, müssen doch zusammen leben, Judas, Brüderlein.

„Setz dich zu mir, Bruder Judas!   Lern bereu'n, ich lern vergeben, müssen doch zusammen leben, Judas, Brüderlein.“

Wer würde denn so reagieren, wenn er erfährt, dass ihn einer verrät? Wer würde so, voller Verständnis, auf den anderen zugehen? Das ist doch schon fast unmenschlich, was Gerhard Schöne hier besingt. Und doch ist es genau das, was auch Jesus tut und sagt: Setz dich zu mir, Bruder Judas! Mit allen feiert er das Sedermahl, das Mahl am Passah-Abend. Auch mit dem, der ihn verraten wird. Und mit Petrus, der ihn am nächsten Tag dreimal verleugnen wird. Mit seinen Jüngern, die in dieser Nacht einschlafen werden, wo er sie doch so dringend gebrauchen könnte, damit sie mit ihm diese Nacht durchwachen und mit ihm beten. Jesus lädt sie alle an seinen Tisch. Alle diese Verräter und Versager. Alle sind sie bei ihm willkommen, denn was er will, das ist nicht Streit, sondern Versöhnung. Gemeinsam Brot essen und Wein trinken, das bindet zusammen. Das schafft Gemeinschaft. Alle lädt er ein.

Ich weiß es nicht mehr genau, ich denke, es war ein Satz von Dietrich Bonhoeffer. Auf jeden Fall stammte es aus der Zeit des Dritten Reichs, diese Beschreibung des Abendmahls: Da stehen der Kriegstreiber und der Pazifist nebeneinander. Im normalen Leben die absoluten Gegner, die sich vielleicht nicht einmal die Hand geben würden – doch im Abendmahl sind sie alle vereint, versöhnt. Jesus Christus bringt sie zusammen, bringt sie zurück an einen Tisch. Und wenn wir sein Mahl ernst nehmen, dann können wir anschließend auch nicht mehr einander verachten. Wir gehören zusammen. Das Mahl Jesu, es versöhnt uns und verbindet uns. „Setz dich zu mir, Bruder Judas!“ Auch ich habe Fehler. Auch ich weiß, dass ich die Liebe Gottes eigentlich nie verdient hätte. Auch ich bin auf Gottes Gnade angewiesen, genauso wie du. Dadurch werden die Fehler, die wir haben, nicht einfach ungeschehen gemacht. Aber sie entzweien uns nicht mehr voneinander. Jesus lädt uns, vor seinem Tod, ein zu seinem Mahl der Versöhnung und des Friedens. Daran lasst uns denken, wenn wir jetzt gemeinsam tun, wie er es uns geboten hat. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Klänge in der Nacht: Die Texte

Verfasst von Heiko Kuschel am 18. März 2011 - 10:57
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Lied: Abendlied (Jonathan Böttcher)

Mose an der Kanzel

MoseMoseIch bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel. Als ein Zeichen für die Menschen: Die Predigten hier, sie stehen auf dem Grund der Zehn Gebote. Die Predigten, die hier gehalten werden, sie fußen auf dem Alten Testament. Ihr habt gemeinsame Wurzeln mit dem Judentum. Manchmal, in eurer Geschichte, da wäre es gut gewesen, ihr hättet auf dieses Zeichen geachtet.
Ich bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel.
Vieles habe ich erlebt in dieser Zeit.
Krieg und Zerstörung.
Naturgewalten, nah und fern.
Aufstände und Revolutionen.
Putsche und Regierungswechsel.
Das große Stadtverderben.
Unendlich große Trauer und Freude.
Taufen und Beerdigungen.
Hochzeiten und Trennungen.

Wir sind Bettler, das ist wahr

Verfasst von Heiko Kuschel am 8. Januar 2011 - 9:58
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Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias
Gochsheim, 7./8.1.2006; Schonungen, 9.1.2011
Text: 1. Kor 1, 26-31

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. 27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; 28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme. 30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, 31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22.23): «Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!»

Liebe Gemeinde!

Als Martin Luther starb, fand man auf seinem Schreibtisch einen letzten Satz, kurz vor seinem Tod geschrieben: „Wir sind Bettler, das ist wahr“. Es ist wie ein Vermächtnis, dieser Satz. Wir sind Bettler: Wir haben nichts, womit wir vor Gott be3stehen könnten. Wir können ihm nichts geben. Wir können nur dankend empfangen. Das war es, was Luther ein Leben lang den Menschen predigte: Wir sind Bettler, das ist wahr. 

Das klingt ganz anders als unsere Vorstellung von einem guten, schönen Leben. Wer wäre schon gerne ein Bettler? Wir träumen davon, erfolgreich zu sein. Wir träumen vom großen Lottogewinn oder davon, dasss unsere Kinder oder Enkel einmal mehr Erfolg haben als wir. Die Jugendlichen träumen davon, bei „Deutschland sucht den Superstar“ und ähnlichen Sendungen groß rauszukommen. Und manche, ganz wenige, die schaffen es auch. Werden berühmt und erfolgreich. 

Aber die meisten von uns, für die bleibt das alles höchstens ein Traum. Wir sind halt einfach ganz normale Menschen, mehr oder weniger zufrieden oder unzufrieden mit dem Leben, das wir haben. Wir versuchen, unsere Sache so gut zu machen, wie wir eben können. Manchmal gelingt uns, was wir uns vorgenommen haben – und manchmal geht es auch daneben. So sind wir eben. Wir machen manches gut und manches geht daneben. Wir sind Bettler, das ist wahr. Berühmt und erfolgreich – das schaffen nur ganz wenige, und noch weniger sind wirklich glücklich damit.

Das Seltsame ist: Auch Gott, als er in Jesus auf die Welt kam, war alles andere als ein Superstar, so wie wir ihn uns vorstellen. Gerade haben wir es gefeiert, vor ein paar Wochen davon gehört: er war so arm, dass er in einer Krippe schlafen musste als Kind. Die ersten, die von seiner Geburt hörten, das waren nicht irgendwelche Weisen und Schriftgelehrten, die jeden Tag die Bibel studierten und überall hoch angesehen waren. Nein, es waren die Hirten, die, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte, die ausgestoßenen aus der Gesellschaft. Vielleicht konnten nur sie wirklich erfassen, was das heißt: Gott wird einer von uns. Er kommt eben nicht als einer der Großen und Mächtigen, sondern ganz klein.

Und auch am Ende seines Lebens steht er da wie ein Versager: Verurteilt zum Tod am Kreuz als Schwerverbrecher. Das soll der Messias sein? Niemals! So sagen die Juden. Der Messias, das ist der Gesalbte Gottes, der das Großreich Israels wieder errichten wird, als ein Nachkomme von König David. Der die Römer aus dem Land vertreiben und Israel wieder in die politische Selbständigkeit und in eine neue Blüte führen wird. Ein Ärgernis für die Juden ist er, dieser gekreuzigte Messias. So schreibt es Paulus wenige Zeilen vor unserem Predigttext: Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. 

Auch die Griechen, also die Philosophen der damaligen Zeit, können das nicht akzeptieren: Für sie ist Gott per Definition etwas Großes, Unnahbares, vielleicht sogar Unveränderbares. Jedenfalls ein Wesen, das so weit weg ist von uns, dass wir uns nur noch klein und unbedeutend vorkommen können. Ein Gott, der leidet und stirbt am Kreuz? Unvorstellbar! So etwas ist töricht. Wer daran glaubt, ist selber schuld.

Doch genau das ist die Botschaft des Paulus: Gott macht aus dem Kleinen, Unbedeutenden etwas Großes. Aus dem Menschen Jesus, der vor der ganzen Welt als Versager dasteht, macht er den Sohn Gottes, den Messias, den Auferstandenen, der den Tod für uns besiegt hat. Aus kleinen, oft unbedeutenden Menschen, wie wir uns manchmal selber vorkommen, macht er Menschen, die etwas bewirken können. Sei es hier in unserer Gemeinde, wo viele mit ihrer Musikalität zu unseren Gottesdiensten beisteuern, mit Verantwortung tragen in Gruppen, Kreisen und Gremien. Sei es in der Familie, wo viel mit ihren oft so gering geschätzten Fähigkeiten sich aufreiben, den Haushalt führen, vielelicht noch die Oma oder den Opa pflegen. Sei es unter Freunden, wo einer vielleicht einmal das richtige, tröstende Wort für einen anderen hat. Das sind Dinge, die viel wichtiger sind als Ruhm und Ehre. Aber selbst das – vor Gott zählt es überhaupt nichts. Kein Mensch kann sich vor Gott rühmen, dass er Gottes Willen vollkommen gerecht wird. Kein Mensch kann von sich sagen, dass er Gottes Gebote vollkommen erfüllt. Nur einer hat das jemals getan, und der wurde von den Menschen dafür verachtet: „was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt; was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“ Für ihn zählt nicht, was wir leisten, ob wir Superstars sind oder arme Schlucker, ob wir reich und angesehen sind oder einsam und verbittert. Für ihn zählt nur eines: Dass wir zu Jesus Christus gehören. Dass wir vor Gott treten und erkennen: Wir haben uns Gottes Liebe nicht verdient. Wir sind Bettler vor ihm, die ganz und gar auf seine Gnade angewiesen sind. Nur einer kann uns helfen. Einer, der genauso war. Den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, aber von Gott gemacht uns zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.

Ein seltsamer Glaube ist das, so haben die Gelehrten damals geurteilt. Die jüdischen Schriftgelehrten ebenso wie die griechischen Philosophen. Das kann doch keiner ernst nehmen. Und gerade dieses Urteil über unseren Glauben ist es, das mich noch mehr davon überzeugt: Das, was damals geschehen ist, das hätte sich kein Mensch ausdenken können. Das war so völlig gegen das Denken der damaligen Zeit. Aber dieser Jesus, dieses Ärgernis, diese Torheit: Die Botschaft davon hat die Zeit überdauert. Und bis heute verlassen wir uns darauf: Gott nimmt uns an. Mit allen unseren Fehlern und Schwächen. Er kommt zu uns, er ist einer von uns geworden. Und – er stärkt uns heute/morgen in Brot und Wein. Er hat uns berufen durch die Taufe. Wir gehören zu ihm, nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil er es uns schenkt: Wir sind Bettler, das ist wahr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Das Licht der Welt

Verfasst von Heiko Kuschel am 26. Dezember 2010 - 11:34
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Predigt am zweiten Weihnachtsfeiertag 2010
Ottendorf, 26.12.2010
Text: Joh 8, 12-16
Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 13 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wißt nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. 15 Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. 16 Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.

Liebe Gemeinde!
„Ich bin das Licht der Welt“. Ach, was ist das für ein schöner Satz. Das finde ich richtig gut und herzerwärmend, dass wir Weihnachten in dieser dunklen Jahreszeit feiern. Da geht dieser Satz gleich nochmal viel mehr zu Herzen. Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt.
Um das zu feiern, haben wir Lichter angezündet in diesen Tagen. Schon seit Wochen werden es immer mehr Lichter am Adventskranz, in Vorbereitung auf dieses Wunder: Das Licht kommt in die dunkle Welt! Und vorgestern haben wir die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet. Jesus, das Licht der Welt, macht unsere dunkle Welt hell!

Findest du nicht, dass man nach 2000 Jahren mal ein bisschen was sehen sollte von diesem Licht der Welt? Ich seh da nämlich nicht viel davon. Nur eine Kerze anzuzünden reicht mir irgendwie nicht aus. Schau dir doch an, was dieses Jahr wieder alles passiert ist. Das Erdbeben in Haiti. Terroranschläge an den verschiedensten Orten. Und Nord- und Südkorea stehen kurz vor einem Krieg. Das Licht der Welt? Ist die Welt nicht immer noch genau so dunkel wie damals, wenn nicht sogar dunkler?

Ja, du hast Recht. Unsere Welt scheint auf den ersten Blick nicht wirklich heller geworden zu sein. Gott ist nicht in die Welt gekommen und hat auf einen Schlag alles Leid abgeschafft und alle Trauer beseitigt.

Scheint ja doch ein ziemlich kleines Licht zu sein, dieses Licht der Welt.

In gewisser Weise: Ja. Schau es dir doch an: Jesus kommt nicht als König in die Welt, sondern als ein kleines Kind von armen, einfachen Eltern. Im Stall in einer Krippe liegt er. Ja, das ist wirklich ein ziemlich kleines, unscheinbares Licht der Welt.

Ist das dann nicht ein bisschen arg hoch gegriffen, dieser Satz: „Ich bin das Licht der Welt“? Vielleicht hätte er besser sagen sollen „Ich bin eine kleine Kerze, die versucht, die Dunkelheit ein bisschen zu erhellen“?

Nein. Ich glaube: Jesus ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches. Nur wir haben einfach falsche Vorstellungen davon, was und wie das „Licht der Welt“ sein sollte. Gott verändert die Welt. Aber er tut das anders, als wir uns das vorstellen.

Nämlich wie?

Gott verändert die Welt nicht irgendwie von oben herab. Er kommt ganz klein in die Welt. Du hast schon Recht: Eher wie eine Kerze, die in der Dunkelheit brennt. Aber sei mal ehrlich: So eine einzelne Kerze in der Dunkelheit ist doch auch was viel Schöneres als ein Halogenstrahler, der alles bis ins letzte Eck ausleuchtet.

Ja, das schon. Aber für die Welt würde ich mir doch eher so einen Halogenstrahler wünschen. Da gibt's einfach viel zu viel Dunkelheit.

Da brauchen wir gar keinen Strahler dafür. Es reicht, dass das Licht da ist. An einer Kerze kann man doch eine weitere anzünden. Und dann noch eine. Jesus lädt uns ein, es ihm nachzumachen. „Nachfolgen“ nennt er das. Schau dir doch den zweiten Satz unseres Predigttextes an: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Wir haben so viele Milliarden Christen auf der Welt; da müsste die Welt doch eigentlich etwas heller werden!

Ja, das stimmt. Vielleicht wissen sie nicht so recht, wo sie anfangen sollen?

Gerade ihr Katholiken habt doch eine ganze Menge Vorbilder, die gezeigt haben, wie das geht: Dieses Jesus Nachfolgen.

Ja: Ein ganz großes Beispiel haben wir ja gerade in der Lesung gehört: Von Stefanus, der sich für seinen Glauben hat steinigen lassen. Aber das ist für uns doch ziemlich weit weg, sozusagen eine Nummer zu groß. Was wir brauchen, sind keine solchen „großen“ Vorbilder, wie etwa auch die Mutter Theresa. Wir brauchen Modelle, wie wir unseren Glauben hier leben können. Ich denke dabei an eine Frau, die ich erst letzte Woche beerdigen musste. Die hat hier immer mit einer großen Fröhlichkeit in der Gde# gewirkt. Das war für mich so ein Modell im Glauben. 

Wir Evangelischen haben ja immer so unsere Probleme mit den Heiligen. Aber so, als Modelle im Glauben, kann ich sie auch gut annehmen. Da würden mir auch auf Anhieb ein paar einfallen. Ich denke gerade an eine Frau, die mit 97 Jahren immer noch jeden Tag ins Altersheim geht u sich um ihre „Altchen“ kümmert, wie sie sie nennt. Sie liest ihnen Geschichten vor, singt u betet mit ihnen, alles aus ihrem persönlichen Glauben heraus. Aber besonders wichtig finde ich, selbst einen eigenen Glaubensweg zu finden. Das Licht der Welt weiterzugeben an andere. Damit unsere Welt nicht nur an Weihnachten ein bisschen heller wird. Und damit die Menschen diese Freude wieder spüren: Das Licht der Welt ist zu uns gekommen.

Amen.

 

Wer ist Gott? Und wenn ja, wie viele?

Verfasst von Heiko Kuschel am 18. April 2010 - 7:39
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Predigt beim MehrWegGottesdienst am 18.4.2010

Liebe Gemeinde!

Überschwemmung. Das Wasser steigt schnell. Der Pfarrer ist bis auf die Kirchturmspitze geflüchtet und sitzt dort und betet: Lieber Gott, ich habe Dir jahrelang gedient, aufrecht und mit ganzem Herzen. Bitte rette mich.., Etwas später rudert ein Bauer vorbei und sagt: Springen Sie rein! Nein danke, ruft der Pfarrer, Gott wird mich retten!

 

Osterfreude

Verfasst von Heiko Kuschel am 6. April 2010 - 5:40
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Radioandacht auf Radio Primaton - www.dekanat-schweinfurt-evangelisch.radioandacht.eu

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Der Gottesknecht

Verfasst von Heiko Kuschel am 2. April 2010 - 20:14
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Predigt am Karfreitag 2008/2010
Gochsheim, 21.3.2008/SW St. Salvator, 2.3.2010
Text: Jes (52, 13-15) 53, 1-12
Liebe Gemeinde!
Karfreitag. Der schwärzeste Tag im Leben von Jesu Jüngern. So viel Hoffnung hatten sie gesetzt in diesen Jesus. So sicher waren sie gewesen, dass er es ist. Dass er der Messias ist. Der, der Israel wieder aufrichten wird. Der, der die Römer vertreiben wird. Der, der Gottes Reich neu errichten wird. Ein wahrer Nachkomme von David, dem legendären König.

Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch einen Tag zu leben hätten?

Verfasst von Heiko Kuschel am 1. April 2010 - 19:00
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Predigt am Gründonnerstag 2010
Gochsheim, 1.4.2010 
Text: 1. Kor 11, 23-26
Paulus schreibt:

Wir machen uns groß, Gott macht sich klein

Verfasst von Heiko Kuschel am 28. Februar 2010 - 12:29
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Predigt am Sonntag Reminiscere 2004/2010
Gochsheim, 6./7.3.2004; Christuskirche/Dittelbrunn, 28.2.2010

Text: Röm 5, 1-5 (6-11)

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