Ansprache beim MehrWegGottesdienst am 9.10.: Wohl wollen

 

 

Wohl wollen.

Pinguin sein.

Genau wissen, was gut ist.

Und dann zögern.

Zurückschrecken.

Gar nichts tun.

Rumstehen.

Ratlos sein.

Noch ein Versuch.

Wohl wollen.

Pinguin sein.

Ach, es gäbe so vieles anzupacken, so vieles.

Die Welt nur ein kleines bisschen schöner machen.

Predigt am Sonntag Reminiscere: Jesus - der Fremde

Liebe Gemeinde!

„Gott und Mensch“, das ist das Thema des Sonntags Reminiscere. Ein ziemlich kompliziertes und schwieriges Thema. Wie können wir Gott nahe kommen? Was erwartet er eigentlich von uns? Wie sollen wir unser Leben gott-gefällig gestalten? Es ist ja wirklich nicht so, dass die Bibel auf alle heutigen Fragen eine passende Antwort hätte. Atomkraft, Fertiglasagne und lebensverlängernde Maßnahmen im Alter gab's damals einfach noch nicht, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Aber auch viel konkreter für's eigene Leben: Was ist Gottes Wille für mich? Welche Entscheidung soll ich treffen, manchmal an entscheidenden Punkten im Leben?
Meistens antwortet Gott ja nicht so wirklich direkt auf unsere Fragen, Bitten, Klagen. Vielleicht erkennen wir im Nachhinein manches, was uns geschehen ist, als eine Botschaft von Gott, aber sicher können wir uns nie sein.

Eurokrise, Teufel und das Reich Gottes

Predigt am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 2011

Schonungen, 6.11.2011

Text: Lk 11, 14-23
Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Liebe Gemeinde!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, als Sie diesen Predigttext gehört haben. Ich bin in Gedanken erst einmal an den Sätzen über das Reich, das mit sich selbst uneinig ist, hängen geblieben. Und musste natürlich an Europa und die aktuellen Probleme in der Eurozone denken. Ja: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andere. Hoffen wir mal, dass es nicht so weit kommt, dass Europa verwüstet wird, das vermutlich nicht. Aber dass die Uneinigkeit der Politiker dazu führt, dass Europa in große Schwierigkeiten gerät: Das auf jeden Fall.

Nun nimmt ja Jesus aber dieses Beispiel nicht für etwas „Gutes“, das vernichtet wird. Leider muss ich Ihnen sagen: Nicht nur in Europa ist zur Zeit alles ziemlich kompliziert, sondern auch in unserem heutigen Predigttext. Also fangen wir von vorne an. Jesus heilt einen stummen Menschen, der fängt wieder an zu reden. Schön! Freuen könnte man sich darüber. Es geht ihm gut! Er kann wieder sprechen! Aber nein, so sind wir Menschen nicht. „Zauberei!“ schreien einige. „Der muss mit dem Teufel im Bund sein!“ Anscheinend trauen sie dem Teufel mehr zu als Gott. Seltsam. Und mit dem Beispiel, das Jesus nun bringt, von dem Reich, das mit sich selbst uneinig ist, führt Jesus ihnen vor, wie unsinnig das ist. Egal, was hinter dieser Heilung steht – freuen können sie sich auf jeden Fall. Wenn Jesus tatsächlich den Teufel mit Beelzebul austreiben soilte, können sie sich freuen, denn das heißt ja: Das Reich des Teufels ist mit sich selbst uneins und dadurch gewaltig geschwächt. Die Aktien des Teufels fallen ins Bodenlose. Er ist pleite. Ist doch super.

Der nächste Satz von Jesus ist ein wenig rätselhaft, das gebe ich zu: „Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.“ Offenbar gab es zur Zeit Jesu noch mehr Menschen, die heilten und „Geister austrieben“, wie man das damals nannte. Aber eigentlich ist das für unseren Text auch gar nicht so wichtig. Jesus sagt nämlich weiter: Wenn ich nicht durch Beelzebul die Geister austreibe, dann muss es doch wohl in Gottes Auftrag sein – und dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen. Hier ist es, da, wo ich bin! Ein Zeichen vom Himmel fordert ihr? Hier ist das Zeichen – ich bin es selbst! Schaut euch doch um: Lahme gehen, Blinde sehen, den Armen wird das Evangelium gepredigt. Hier, wo ich bin, da ist das Reich Gottes! Und das heißt dann auch: Dieses Reich des Teufels, von dem ihr immer redet: Das hat nicht gut Lachen. Denn Gott ist der Stärkere. Sein Reich ist angebrochen. Das Ende des Reichs des Bösen ist nahe.

Bleiben für uns noch zwei Fragen zu klären: Die eine: Gibt es den Teufel überhaupt? Und die andere: Wenn Gottes Reich schon damals angebrochen ist, warum merken wir auch 2000 Jahre später so wenig davon?

Erst einmal zum Teufel. Die Bibel redet davon so selbstverständlich, wie sie auch etwa von bösen Geistern redet, die Menschen befallen. In der damaligen Vorstellungswelt war das etwas völlig Logisches. Für uns scheint es irgendwie weit hergeholt. Wir tun uns ja manchmal schon schwer mit der Frage, ob Gott überhaupt existiert. Auf der anderen Seite: Das Interesse an Engeln ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Gute, himmlische Mächte, die ein Auge auf uns haben: Ja, das sehen wir gerne. Ganz ganz viele Eltern suchen für ihre Kinder den Taufspruch aus: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“. Aber böse Mächte? Da sträuben wir uns irgendwie. Das können wir nicht so annehmen.

Vielleicht müssen wir das ja auch nicht. Der „Teufel“ muss nicht unbedingt eine Person sein. Aber dass es das Böse gibt, das müssen wir zugeben. Und dass es eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann, wissen wir alle. Wer hat sich nicht schon mal in einem ganzen Gebilde von Lügen verstrickt – ein ganz einfaches Beispiel. Viele Dinge sind aber viel komplexer und gar nicht so leicht zu durchschauen. Wir kaufen billige Klamotten im Angebot, weil wir uns ja die teuren Sachen gar nicht leisten können. Und irgendwie im Hinterkopf wissen wir schon, dass jemand anderes auf der Welt den Preis dafür bezahlt. Wenn wir ein T-Shirt für 4,95 kaufen, dann bedeutet das: Baumwollpflückerinnen in Indien, die für einen Hungerlohn 12 Stunden und mehr arbeiten und von den Pestiziden krank werden. Näherinnen, denen es nicht besser geht. Wenn wir E10 tanken in der guten Absicht, einen höheren Anteil Biosprit zu verwenden, kurbeln wir damit die Spekulation mit den Getreidepreisen an. Und irgendwo anders auf der Welt kann sich jemand das lebensnotwendige Getreide nicht mehr leisten und verhungert.

Sachzwänge, sagen wir gern. Die halten uns gefangen. Sie entwickeln fast schon so etwas wie eine eigene Persönlichkeit. Der Teufel? Ja, ich denke, so kann man das auch nennen.
Aber eigentlich dachte ich, dieser Teufel wäre mittlerweile besiegt. Sagt Jesus doch. Also unsere zweite Frage: Warum wird es nicht besser auf der Welt? War Jesus nur so eine Art Demoversion vom Reich Gottes? Hat er überhaupt etwas verändert?

Ja und nein. Ja: Er hat etwas verändert. Und nein: Es war doch erst einmal nur örtlich begrenzt. Wie viele hat er wohl geheilt? Lassen wir es ruhig 1000 Menschen sein. Und wie viele hätten seiner Heilung bedurft? Hunderttausende? Millionen? Wie viele bräuchten heute seine Heilung? Eher Milliarden, die auf ein menschenwürdiges Leben hoffen und denen es die teuflischen Lebensumstände nicht erlauben.

Also: Wo ist das Reich Gottes? Die Antwort darauf ist auch nicht so einfach, und irgendwie ist sie es doch: Es ist mitten unter uns. Da, wo wir es zulassen. Da, wo wir uns gegen die Einflüsse des Teufels stemmen, ob wir ihn nun als Person ansehen oder eher als etwas Abstraktes. Da, wo wir uns für eine gerechtere Welt einsetzen. Da, wo wir aufeinander achten. Da, wo wir Jesu Botschaft von Gottes Liebe weiterverbreiten. Zugegeben: Auch die Kirche hat da in den letzten 2000 Jahren manches falsch gemacht. Statt Liebe und Gerechtigkeit hat sie oft Macht, Angst und Unterdrückung verbreitet. Aber ich glaube: Wir sind heute auf einem guten Weg. Das Reich Gottes ist unter uns. Aber es ist nicht nicht vollkommen da. Das wird es erst am Ende der Welt sein. Auch, wenn das noch Tausende oder gar Milliarden von Jahren dauern sollte. Bis dahin lassen Sie uns daran arbeiten, dass es sichtbar wird unter uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Nichts ist unmöglich
Heiko Kuschel 16. Oktober 2011 - 11:29

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis 2011
Schweinfurt/Leopoldina-Krankenhaus, 16.10.2011
Schonungen, 17.10.2011


Text: Mk 9, 17-27
Einer aber aus der Menge antwortet: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

Liebe Gemeinde!

Ach, was wäre das schön, wenn Jesus jetzt hier wäre. Im Krankenhaus. Einmal durch alle Zimmer gehen, Hand auflegen, und schon sind sämtliche Ärzte, Krankenschwestern und was es da noch alles an Berufen gibt arbeitslos. Aber leider ist die Zeit, in der dieser außergewöhnliche Mensch durch die Gegend zog, schon zweitausend Jahre her. Und seine Jünger: Die haben's irgendwie nicht geschafft, es ihm nachzumachen. Das mit dem Heilen. Ich bin Pfarrer, einer der sozusagen Jesus nachfolgt. Aber auch ich kann das nicht: Jemanden nur durch Handauflegen und Gebet heilen. Ich kann vielleicht gut zuhören, vielleicht auch manches seelische Leid lindern. Aber einen Jungen von Epilepsie heilen wie hier oder einen Blinden oder Lahmen – nein, das kann ich nicht, und ich bin auch sehr skeptisch, wenn jemand von solchen „Wunderheilungen“ in unserer Zeit berichtet.

Auch im Kleinen kann ich auch nicht mehr als jeder andere, ob nun eiun Mensch an Gott glaubt oder nicht. Heute, gerade jetzt in dieser Minute, hat der Sohn einer Bekannten ein wichtiges Turnturnier. Ich kann auch nicht machen als Daumen drücken wie alle anderen auch. Aber vielleicht hilft es ihm ja zu wissen, dass andere an ihn denken. Vielleicht hilft es seiner Konzentration – aber mehr auch nicht.

Und doch sagt Jesus: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Eine steile These. Hab ich dann zu wenig Glauben? Müsste ich nur vertrauen, und schon könnte ich wahre Wunder vollbringen? Sind wir dann vielleicht gar selber Schuld, wenn wir krank sind, weil wir einfach nur zu wenig vertrauen?

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt, sagt Jesus. Ja, dieser Jesus hat immer wieder ziemlich steile Thesen in die Welt gesetzt. Bei manchen seiner Sätze muss man einfach gestehen: Für uns Menschen sind seine Ansprüche nicht erreichbar. Der vollkommene Mensch, den Jesus uns vor Augen geführt hat, der können wir nicht sein. Wir können nicht im tiefsten, vollen Vertrauen auf Gottes Gnade so leben, dass wir im Einklang mit allem sind. Wir können nicht jederzeit alles „gut“ machen. Wir können nicht anderen immer nur in Liebe und Respekt begegnen. So sind wir nicht. Jesus wird ja sogar regelrecht zornig darüber, dass wir Menschen das alles einfach nicht auf die Reihe kriegen: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“ - so schimpft er, bevor er den Jungen von seinem „Geist“ - wir würden heute natürlich sagen: Von seinen epileptischen Anfällen – heilt.

Wir Menschen sind nicht vollkommen. Wir können gar nicht so sein, wie Gott uns wollte. Wir leben in einer unvollkommenen Welt, sind verstrickt in Ungerechtigkeit, Unwahrheit, die Suche nach dem eigenen Vorteil. In Krankheit und, ja, in den Tod.

Heute/morgen ist unter anderem Welternährungstag. Wir wissen, wie gut es uns hier geht. Vielleicht haben Sie davon gehört: Allein von dem, was in Europa an unverdorbenen Nahrungsmitteln weggeworfen wird, könnte man den Hunger aller Menschen auf der Welt zweimal stillen. Heute ist auch unser Partnerschaftssonntag mit Brasilien. Vielleicht haben Sie schon davon gehört, wie schwer die Situation der Menschen dort ist. Vielleicht haben Sie schon von der segensreichen Arbeit der Kinderkrippe Bom Samaritano gehört, die Kindern einmal täglich ein warmes Essen gibt und außerdem eine Heimat, einen Grundstein für eine Ausbildung. Viele andere Straßenkinder in Brasilien haben das nicht.
Oder wenn wir auf die Weltwirtschaft sehen: Milliardenbeträge werden da im Moment hin- und her geschoben. Beträge, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können, ich jedenfalls nicht. Hunderte von Milliarden werden in die Rettung von Banken gesteckt. Mag sein, dass das nötig ist. Aber: Gerade mal 6 Milliarden Dollar wären nötig, um allen Menschen eine Schulbildung zu ermöglichen. 9 Milliarden, damit alle sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen haben. Letzteres ist weniger, als die Europäer jedes Jahr für Eiscreme ausgeben.

Ja, unsere Welt ist krank. Unsere Welt ist ungerecht. Wir, die Menschheit als Ganzes, haben es nicht geschafft zu teilen. Zu vertrauen. Füreinander zu sorgen. Im Kleinen wie im Großen.

Darum können wir eigentlich nur eines: Darauf vertrauen, dass dieser liebende Gott uns annimmt, wie wir sind. Mit unseren Fehlern und Schwächen. Mit unseren Zweifeln und Ängsten. Mit unseren Krankheiten, Behinderungen und Gebrechen.

Gott ist es, der diese Verstrickung manchmal aufbricht. Der dem epileptischen Jungen ein normales Leben schenkt. Der dem Blinden neue Perspektiven zeigt. Der dem Lahmen neue Wege schenkt. Der die verkrümmte Frau wieder aufrichtet und sogar einen Toten wieder zum Leben erweckt. Aber: Warum diese Menschen damals – und nicht ich? Warum dürfen die Heilung erfahren und ich liege hier im Krankenhaus und weiß gar nicht, wie es weitergeht?

Liebe Gemeinde, wir werden wohl damit leben müssen, dass unsere Welt nicht vollkommen ist. Dass wir nicht vollkommen sind. Dass unsere Art zu leben Ungerechtigkeit hervorruft. Dass wir nicht in vollem Vertrauen auf Gott leben können. Aber wir können mit der Hoffnung leben, dass dieser liebende Gott, der damals heilend eingegriffen hat ins Leben dieser Menschen, dass dieser liebende Gott auch für uns eine Zukunft bereithält. Eines Tages. Dass er uns zu sich holt. In sein Reich, in dem es keine Krankheit, keine Schmerzen und auch keinen Tod gibt. Das jedenfalls hat uns Jesus versprochen.

Aber in der Zwischenzeit, bis es soweit ist, lassen Sie uns nicht einfach resignierend die Hände in den Schoß legen. Lassen Sie uns an dieser besseren, gerechteren, friedvolleren Welt arbeiten, wo wir es können. Auf der ganzen Welt sind heute Menschen gegen die Ungerechtigkeiten der Finanzmärkte auf die Straße gegangen und haben sich eingesetzt für mehr Gerechtigkeit in der Welt. Aber auch im Kleinen können wir vieles tun: Kranke besuchen. Mit unseren Mitteln heilen, was wir heilen können. Fair gehandelte Produkte unterstützen, wo es uns möglich ist. Oder einfach mal einem Jungen die Daumen drücken, weil es ihm gut tut.

Ich glaube, dass wir da noch viel bewegen können. Ein steiler Satz von Jesus ist es, den er hier gesagt hat. Aber er macht mir Mut: Alles ist möglich dem, der da glaubt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Töten erlaubt?

Darf man Hitler töten? Kaum einer hat wohl mit dieser Frage so gerungen wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Nach langem Überlegen, vielen Diskussionen und mit allen damit verbundenen Zweifeln kam er zu dem Schluss: Als Christ darf ich nicht nur, ich muss. Aus der Nächstenliebe heraus erwächst einem Christen die Pflicht, diesen Menschen, der so unsägliches Leid über die Welt gebracht hat, zu töten, um dem Ganzen ein Ende zu machen. Und dennoch: Es bleibt Schuld. Schuld, die Dietrich Bonhoeffer bereit gewesen wäre, auf sich zu nehmen. Ein Mord bleibt ein Mord, so seine Überzeugung. Und trotzdem muss er getan werden, denn nichts zu tun, wäre die noch weitaus größere Schuld. „Wer sich in der Verantwortung der Schuld entziehen will, löst sich aus dem erlösenden Geheimnis des sündlosen Schuldtragens Jesu Christi und hat keinen Anteil an der göttlichen Rechtfertigung, die über diesem Ereignis liegt. Er stellt seine persönliche Unschuld über die Verantwortung für die Menschen, und er ist blind für die heillosere Schuld, die er gerade damit auf sich lädt.“ (Bonhoeffer, Ethik, zitiert nach: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen, 7. Aufl. 1994, S. 123)

 

Die Ampel zeigt blau

Predigt am Ostersonntag 
  Schweinfurt, St. Salvator, 4.4.10; Schonungen, 24.4.11
 
Liebe Gemeinde!

"Man erzählt sich, die Ampel vorm Domplatz in Mailand
stellte eines Tags all ihre Lichter auf blau.
Soll man gehn? Soll man stehn? Soll man fahrn oder warten?
Was soll blau nur bedeuten? Daraus wurde keiner schlau.

Dieses Blau war noch schöner als der Mailänder Himmel.
Wie die Tinte des Dichters für ein Frühlingsgedicht.
Wie ein Kirchenglasfenster, von der Sonne erleuchtet.
Lapislazuliblau mit etwas Wasser vermischt.

Doch die Leute verfluchten das Verkehrsministerium,
die Regierung, die UNO, überhaupt diese Welt.
Ein Verkehrspolizist blies die Pfeife und tobte.
Und ein andrer hat schnell ihren Strom abgestellt.

Doch bevor sie verlosch, dachte die blaue Ampel:
Ach ihr Armen, sicher hat euch noch keiner erzählt:
blau bedeutet: Die Straße ist jetzt frei in den Himmel.
Wenn ihr wollt, könnt ihr fliegen, falls der Mut euch nicht fehlt."
(Gerhard Schöne)

Die Schuldscheine sind beglichen.

Predigt am Karfreitag

Gochsheim, 14.4.2006; Schweinfurt-Auferstehung, 22.4.2011
Text: Hebr 9, 15. 26b-28

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26 ...Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Liebe Gemeinde!

Ich habe hier einen Nachdruck einer Fünf-Pfund-Note aus Großbritannien. Ich hätte auch jeden anderen Geldschein nehmen können, auch 10 Euro. Aber auf den Pfund-Noten steht ein Text, der deutlich macht, worum es geht:

I promise to pay the bearer on demand the amount of 5 pounds.
Ich verspreche, dem Inhaber auf Verlangen den Betrag von 5 Pfund auszubezahlen.

Mag sein, dass ein Wirschaftswissenschaftler jetzt protestieren würde, aber dieser Gedanke hat mich schon auf meiner ersten England-Reise fasziniert, als ich den Satz das erste Mal gelesen habe: Ein Geldschein ist nichts anderes als ein Schuldschein des Staates. Keine Ahnung, was passieren würde, wenn ich zum Unterzeichner dieses Schuldscheins, also zum Finanzminister, hingehen würde und um Auszahlung bitten würde. In jedem Fall: Der Staat hat Schulden bei mir. So viel Schulden, wie ich Geld in meinem Geldbeutel mit mir herumtrage. 

Nun stellen Sie sich vor: Alle Menschen auf der ganzen Welt kämen darin überein, ihr gesamtes Geld zu verbrennen. Allen Schulden ein Ende zu machen. Niemand, nicht einmal der Staat, soll noch bei jemand anders in der Schuld stehen. 

Ja, natürlich: Es wäre ein großes Chaos. Vermutlich. Wer würde schon noch arbeiten gehen, ohne den Anreiz, dafür auch einen Lohn zu bekommen? Ein paar Enthusiasten, ja, aber die Mehrzahl der Menschen?

Unsere Wirtschaft könnte ohne Geld gar nicht existieren. Und trotzdem: Wäre es nicht für viele Menschen, sogar den Großteil der Menschheit, viel besser, wenn es plötzlich kein Geld mehr gäbe? Wenn auf einmal die drückenden Schulden weg wären, die auch bei uns in Deutschland auf immer mehr Haushalten lasten? Ganze Länder könnten aufatmen, wenn plötzlich ihre Schulden weg wären, deren Tilgung einen so hohen Anteil des Staatshaushaltes ausmachen, dass für das eigene Volk, für Straßenbau, Schulen, Infrastruktur, medizinische Versorgung nichts mehr übrigbleibt. Es gäbe keine Entlassungen mehr bei Betrieben, nur um den Gewinn von 3 auf 4 Milliarden im Jahr zu steigern. Die Menschen stünden wieder im Mittelpunkt, nicht das Geld. 

Was würde geschehen, wenn alle Menschen ihr gesamtes Geld verbrennen würden, Abschied nehmen würden von allen Schulden?

Es wäre eine Befreiung für viele – aber natürlich würde es so nicht funktionieren. Die Befreiung wäre nicht von langer Dauer, denn die gesamte Versorgung mit lebenswichtigen Dingen würde sehr schnell zusammenbrechen.
Neben dem Geld gibt es auch andere Schuldscheine. Solche, die nicht aus Papier sind – die eher aus Gefühlen bestehen. Ich stehe bei einem anderen in der Schuld. Ich habe Schuld auf mich geladen: Dinge, die uns belasten. Dinge, die schief gelaufen sind in meinem Leben.

Da gibt es Menschen, die nicht mehr miteinander reden. Im Streit sind sie auseinander gegangen, seitdem gehen sie sich aus dem Weg. Der andere hat Schuld, das ist doch klar.

Da sind Menschen, die sich einmal geliebt haben. Jetzt streiten sie jeden Tag miteinander, schon wegen Nichtigkeiten. Die Leidtragenden sind die Kinder. Wer hat Schuld? Einer von beiden? Sie beide? Die Menschen um sie herum, die sie mit ihren Problemen allein gelassen haben?

Da sind Menschen, die sich unnütz vorkommen. Auch die 83. Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, einen Job wurde abgelehnt. Wer hat Schuld? Sie selbst, weil sie nicht gut genug waren in ihren Zeugnissen? Die Arbeitgeber, die nicht mehr Leute einstellen wollen und es auch nicht können? Unsere ganze Gesellschaft, die so eine Situation einfach hinnimmt?

Da gibt es Menschen, die verhungern. Die Angaben schwanken zwischen 10000 und 40000 Kindern am Tag. Das ist mindestens alle 9 Sekunden eines. Wer trägt da die Schuld? Wir, die wir oft bedenkenlos konsumieren, was wir bekommen? Irgendwelche Wirtschaftsbosse? Die Regierungen der Länder?

Da bin ich selbst. Welche Schuld habe ich auf mich geladen? Wie oft bin ich einem anderen Menschen nicht liebevoll genug begegnet? Wie oft habe ich nur meinen eigenen Vorteil gesucht? Wie oft habe ich hinterm Rücken über einen anderen geredet? Wie oft habe ich die Wahrheit nur ein klitzekleines bisschen zu meinen Gunsten verdreht?
Jeder Mensch, ob er es will oder nicht, lädt Schuld auf sich. Unser Schuldschein-Portemonnaie ist gut gefüllt. Andere haben Fehler gemacht und uns verletzt. Wir haben Fehler gemacht, andere verletzt.

Manchen Menschen können wir kaum noch in die Augen schauen.

Wie wäre es, wenn alle Menschen auf der ganzen Welt auf einmal beschließen würden: Diese Schuld, alle Schuld der Welt, ist ab heute nicht mehr da? Unsere Schuldscheine werden verbrannt. Sie gelten nicht mehr.

Es wäre eine große Befreiung – aber auch eine Aufgabe. Denn noch immer sterben jeden Tag Menschen. Noch immer sind Menschen ohne Arbeit oder ohne Ausbildungsplatz. 

So einfach ist das nicht mit dem Vergeben von Schuld. Das wird nicht ohne Konsequenzen abgehen für unser eigenes Leben.

Nun aber ist Jesus ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

Jesus tut genau das, wonach wir Menschen uns sehnen: Er hebt die Schuldscheine auf. Er verbrennt sie. Vor Gott sind sie nicht mehr gültig. Vor Gott können wir keine Schulden mehr haben. Sie sind alle beglichen, ein für alle mal.

Wir können die Vergebung unserer Schuld annehmen. Auch wenn wir wissen: Wir werden wieder Schuld auf uns laden. Auch der Schreiber unseres Predigttextes weiß davon. Und er schreibt: Jesus wird unsere Welt heil machen. Noch ist es nicht so weit. Aber eines Tages wird er wieder kommen. Dann wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. Er wird heilen, was zerbrochen ist. Heil machen, was zerstört ist. Uns von unserer Schuld befreien. Die Schuldscheine endgültig verbrennen.

27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Bruder Judas

 

Predigt am Gründonnerstag

Gochsheim, 24.3.2005; Schonungen, 21.4.2011

Text: Mk 14, 17-26
Und am Abend kam er mit den Zwölfen. 18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir ißt, wird mich verraten. 19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's? 20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.
22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes. 26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Liebe Gemeinde!
(2005: Die SPD in Kiel sucht den Verräter. Den, der bei der Wahl der Ministerpräsidentin nicht für Heide Simonis gestimmt hat. Den, der die geplante Regierung zu Fall gebracht hat.)

(2011: Rainer Brüderle ist der Verräter. ER ist der, der ausgesprochen haben soll, was eigentlich eh schon alle dachten: Dass das Atom-Moratorium nur wegen des Wahlkamps in Kraft gesetzt wurde. Und ein anderer musste dann dafür gehen.)

„Der ist schuld!“ heißt es schnell in solchen Fällen. Und manchmal ist es vielleicht ganz gut, gar nicht zu erfahren, wer wirklich schuld war. Denn ihm droht nichts Gutes. Wenn einer das Vertrauen des anderen missbraucht für seine eigenen Zwecke, wenn einer nach außen schön tut und dann aber anders handelt; wenn einer nach außen gut Freund ist und in Wirklichkeit der größte Feind: So etwas erleben wir immer wieder. Solche Judasse, solche Verräter, gibt es auf der ganzen Welt. „Das verzeih ich dem nie!“ - wie oft haben wir schon diesen Satz gedacht oder gesagt.

Mir sind dabei Gedanken gekommen an eine Zeit, die die meisten von uns noch in irgendeiner Form kennen; unsere Konfirmanden aber schon nicht mehr. Die Zeit, als es noch eine DDR gab, eine Mauer, eine mit Selbstschussanlagen gesicherte Grenze. Als Kind bin ich oft „rüber“ gefahren, denn wir hatten Verwandte in Ostberlin. Immer war da, vor allem bei Regimekritikern, die Angst mit dabei. Die Angst vor der Stasi, vor den Spitzeln, die überall lauerten.

Nun ist die DDR Geschichte. Aber die Menschen, die damals andere bespitzelt haben, sie leben immer noch. Sie müssen mit ihrer Geschichte leben, und mit den Menschen, die sie früher einmal bespitzelt haben. Wie soll man mit diesen Menschen umgehen? Bist heute ist das eine schwierige Frage. Ein Liedermacher aus Ostberlin, Gerhard Schöne, hat 1990, kurz nach der Wende, eine Antwort versucht auf diese Frage. „Setz dich zu mir, Bruder Judas!“ Lassen Sie uns einmal auf dieses Lied hören.

BRUDER JUDAS
(1990) T: Schöne/M: Plüss
Setz dich zu mir, Bruder Judas. Nimm vom Hals das Seil! Wisch die Tränen von den Wangen, 's ist genug kaputt gegangen und wird nicht mehr heil.
Mißtraun hast du wie ein Unkraut
zwischen uns gestreut.
Jugend aus dem Land getrieben,
eingelocht und aufgerieben
viele gute Leut'.
Schriebst ins Klassenbuch Notizen
über jedes Kind.
Lehrtest mit zwei Zungen reden,
petzen, heucheln, leise treten, 's Mäntelchen im Wind.
Trankst als einer meiner Freunde Brüderschaft mit mir. Hast in meiner Post gelesen, hinterm Telefon gesessen, gingst durch meine Tür.
Dann verfaßtest du Berichte, knüpftest einen Strick. Daraus wuchs ein Netz von Schlingen. Manchen, die sich drin verfingen, brach es das Genick.
Und ich war auch dein Komplize.
Gab dir lange Zeit
durch mein Schweigen und mein Dulden
eines jeden Mitverschulden
solche Sicherheit.
Dich hat der Verrat zerfressen.
Freundschaft ist ein Hohn.
Die Gedanken sind verdorben,
dein Gewissen fast gestorben
für den Silberlohn.
Schutzlos stehst du jetzt am Pranger.
Man darf dich bespei'n.
Die sonst nie den Mund auftaten,
niemals aus dem Schatten traten,
werfen ihren Stein.
Nimm ein heißes Bad und schrubb' dich! Bist noch lang nicht rein. Lern bereu'n, ich lern vergeben, müssen doch zusammen leben, Judas, Brüderlein.

„Setz dich zu mir, Bruder Judas!   Lern bereu'n, ich lern vergeben, müssen doch zusammen leben, Judas, Brüderlein.“

Wer würde denn so reagieren, wenn er erfährt, dass ihn einer verrät? Wer würde so, voller Verständnis, auf den anderen zugehen? Das ist doch schon fast unmenschlich, was Gerhard Schöne hier besingt. Und doch ist es genau das, was auch Jesus tut und sagt: Setz dich zu mir, Bruder Judas! Mit allen feiert er das Sedermahl, das Mahl am Passah-Abend. Auch mit dem, der ihn verraten wird. Und mit Petrus, der ihn am nächsten Tag dreimal verleugnen wird. Mit seinen Jüngern, die in dieser Nacht einschlafen werden, wo er sie doch so dringend gebrauchen könnte, damit sie mit ihm diese Nacht durchwachen und mit ihm beten. Jesus lädt sie alle an seinen Tisch. Alle diese Verräter und Versager. Alle sind sie bei ihm willkommen, denn was er will, das ist nicht Streit, sondern Versöhnung. Gemeinsam Brot essen und Wein trinken, das bindet zusammen. Das schafft Gemeinschaft. Alle lädt er ein.

Ich weiß es nicht mehr genau, ich denke, es war ein Satz von Dietrich Bonhoeffer. Auf jeden Fall stammte es aus der Zeit des Dritten Reichs, diese Beschreibung des Abendmahls: Da stehen der Kriegstreiber und der Pazifist nebeneinander. Im normalen Leben die absoluten Gegner, die sich vielleicht nicht einmal die Hand geben würden – doch im Abendmahl sind sie alle vereint, versöhnt. Jesus Christus bringt sie zusammen, bringt sie zurück an einen Tisch. Und wenn wir sein Mahl ernst nehmen, dann können wir anschließend auch nicht mehr einander verachten. Wir gehören zusammen. Das Mahl Jesu, es versöhnt uns und verbindet uns. „Setz dich zu mir, Bruder Judas!“ Auch ich habe Fehler. Auch ich weiß, dass ich die Liebe Gottes eigentlich nie verdient hätte. Auch ich bin auf Gottes Gnade angewiesen, genauso wie du. Dadurch werden die Fehler, die wir haben, nicht einfach ungeschehen gemacht. Aber sie entzweien uns nicht mehr voneinander. Jesus lädt uns, vor seinem Tod, ein zu seinem Mahl der Versöhnung und des Friedens. Daran lasst uns denken, wenn wir jetzt gemeinsam tun, wie er es uns geboten hat. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Klänge in der Nacht: Die Texte

Lied: Abendlied (Jonathan Böttcher)

Mose an der Kanzel

Ich bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel. Als ein Zeichen für die Menschen: Die Predigten hier, sie stehen auf dem Grund der Zehn Gebote. Die Predigten, die hier gehalten werden, sie fußen auf dem Alten Testament. Ihr habt gemeinsame Wurzeln mit dem Judentum. Manchmal, in eurer Geschichte, da wäre es gut gewesen, ihr hättet auf dieses Zeichen geachtet.
Ich bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel.
Vieles habe ich erlebt in dieser Zeit.
Krieg und Zerstörung.
Naturgewalten, nah und fern.
Aufstände und Revolutionen.
Putsche und Regierungswechsel.
Das große Stadtverderben.
Unendlich große Trauer und Freude.
Taufen und Beerdigungen.
Hochzeiten und Trennungen.