Predigt: Meine Oma, Jack Sparrow und das verlorene Schaf

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis 2017

Schweinfurt, Gustav-Adolf-Kirche, 2.7.2017

Text: Lk 15, 1-7 (8-10)

15 1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?

5 Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.

6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Liebe Gemeinde!

Meine Oma litt ihr Leben lang an einem Verlust: Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Denn damals, vor nun schon über hundert Jahren, war manches noch anders. Er war katholisch, sie evangelisch, das Kind war unterwegs. Doch sie durften nicht heiraten. Was genau dann geschah, weiß ich nicht. Jedenfalls wanderte mein Urgroßvater noch vor der Geburt seiner Tochter in die USA aus. Eine Weile schickte er noch gelegentlich Briefe, doch dann brach der Kontakt völlig ab.

Erst, als meine Oma schon über 80 Jahre alt war, fanden wir ihn. Über ein Ahnenforschungsportal machte ich seinen Namen in einer Schiffspassagierliste ausfindig. In alten Volkszählungsunterlagen fand ich ihn wieder. Las dort, dass er geheiratet hatte, einen Sohn hatte: John Ankenbrand, nach seinem Vater Johann. Mit klopfendem Herzen suchte ich eine Telefonnummer heraus und rief einfach bei dem ersten Ankenbrand an, den ich in Pittsburg fand. Und hatte die Witwe des Halbbruders meiner Oma am Telefon.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie groß die Freude war. Auf beiden Seiten. Sie schickten Fotos von meinem Urgroßvater, und die Ähnlichkeit war wirklich überrwältigend. Sie schrieben Briefe, hin und her. Lange Zeit. Der verlorene Vater war wiedergefunden. Der verlorene Halbbruder, von dem sie nichts gewusst hatte. Eine ganze, völlig unbekannte, verlorene Familie. Und am Tag, als meine Oma mit 102 Jahren starb, wurde drüben in Amerika ein neuer John Ankenbrand geboren. Der Urenkel oder sogar schon Ururenkel meines Urgroßvaters.

Den Vater verloren – und dann, noch so langer Zeit, wiedergefunden. Das größte Glück des Lebens, die Familie zu finden, von der man nie wusste.

 

Was haben Sie verloren? Wonach suchen Sie? Was würde Ihr größtes Glück des Lebens bedeuten? Vielleicht ist es etwas ganz Greifbares. Ein Schlüsselbund. Ein Foto, das Ihnen viel bedeutet wegen der Erinnerung an eine schöne Zeit, und das doch schon seit Jahren einfach weg ist. Der Einkaufszettel, ach ja.

Oder dann doch etwas, das mehr wiegt: Freundschaft vielleicht. Anerkennung. Glück. Erfolg. Gesundheit. Oder einfach nur eine neue Einnahmequelle, weil das Geld immer so knapp ist. Vielleicht auch tatsächlich einen bestimmten Menschen, den Sie vermissen, so wie meine Oma. Ein schönes Haus. Der Garten. Oder etwas ganze Besonderes erreichen im Leben. Oder einfach nur einen Tag nochmal ohne Schmerzen erleben. Die Ziele können so unterschiedlich sein.

Was suchen Sie? Suchen Sie überhaupt noch? Oder sind Sie daran schon verzweifelt, an dieser Suche? Was ist Ihr Herzenswunsch, der in Erfüllung gehen soll?

In der Filmserie „Fluch der Karibik“ besitzt Captain Jack Sparrow einen ganz besonderen Kompass. Es gibt ihn nur einmal auf der Welt. Dieser Kompass zeigt nicht nach Norden – sondern auf das, was man am meisten begehrt auf der Welt. Ich frage Sie: Wohin würde Ihr Kompass zeigen? Welchen Weg würde er Ihnen weisen? Denken Sie einen kleinen Moment darüber nach. Wohin würde Ihr Kompass zeigen?

 

Ja, das ist gar nicht so einfach, diese Aufgabe, die ich Ihnen da gestellt habe. Was ist Ihr größtes Ziel, Ihr größter Wunsch? Wohin zeigt Ihr Kompass? Und jetzt frage ich Sie auch noch: Bewegen Sie sich auch in diese Richtung? Oder hält Sie etwas davon ab? Fehlt der Mut? Die Kraft? Haben Sie Angst, dafür etwas anderes zu verlieren? Oder sogar Angst davor, diesen größten Wunsch auszusprechen? Spüren Sie etwas davon, wie Ihr Leben sein könnte, welche Ideen und Gaben in Ihnen stecken und vielleicht doch nicht zum Zuge kommen?

Fragen über Fragen. Bei Gott dagegen, um den es in diesem Gleichnis ja eigentlich geht, da ist die Sache ganz klar. Gott hat nur einen einzigen Wunsch. Sein Kompass zeigt nur eine einzige Richtung an: Gottes Kompass zeigt auf Sie. Ja, genau auf Sie. Sie sind gemeint mit dem verlorenen Schaf, nach dem Gott sucht. „Was?“ so werden Sie jetzt vielleicht innerlich protestieren. „Ich sitze hier in der Kirche und mindestens 95% unserer Gemeindeglieder sind nicht da, aber ICH soll das verlorene Schaf sein? Das gilt doch wohl eher für die anderen! Ich bin eines von den 99 guten Schafen, nicht der eine Ausreißer!“

Ja, da haben Sie vielleicht wirklich recht. Im Vergleich mit manch anderen stehen Sie bestimmt sehr gut da. Jedenfalls, wenn man den heutigen Kirchenbesuch als Maßstab nimmt. Aber im Vergleich mit Gott, mit Jesus? Vor ihm kann keiner bestehen. Vor ihm können wir nur zerknirscht feststellen: „Gott, ich habe mich bemüht. Aber ich habe viel zu oft versagt. Mein Leben ist an so vielen Punkten nicht so, wie es sein sollte. Ich bin noch auf der Suche.“

Doch Gott ist das egal. Gottes Streben, sein Kompass, ist darauf ausgerichtet, uns zu finden. Sie zu finden. Sein Streben ist darauf ausgerichtet, uns in seine Herde zu holen, und zwar ganz. Sein Kompass, der ihn zu den Menschen führt: Das ist Jesus. Jesus, der umgekehrt auch unser Kompass sein kann, der uns zu Gott führt. Jesus, der uns gezeigt hat, wie das geht, dieses Menschlichsein. Lieben. Den Menschen zugewandt sein und gleichzeitig Gott zugewandt.

Was suchen Sie? Suchen Sie überhaupt noch? Oder sind Sie daran schon verzweifelt, an dieser Suche? Gott jedenfalls sucht Sie. Es ist sein Herzenswunsch, Sie zu finden. Es ist sein Herzenswunsch, dass Ihr Leben geheilt wird. Dass alles seinen Platz hat. Dass nichts und niemand mehr verloren ist.

Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

So wird große Freude sein, im Himmel und auf der Erde.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Comments

 

Vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass ich einen Halbbruder habe, von dem ich noch nichts wusste. Meine Freude war riesengross. Es war der kleine Bruder, den ich unbewusst immer vermisst hatte.

Dass Gott nach mir suchen soll, widerspricht sich für mein persönliches Empfinden aber mit Ps. 139. (Auch wenn die theologische Aussage so richtig ist.)