Ansprache zu 40 Jahre Tschernobyl: Hoffnung gegen das Seufzen der Natur

Ach, was war das letztes Jahr für ein schöner Anlass! Die erste Andacht hier ohne die Kühltürme im Hintergrund. Kein Atomstrom mehr in Deutschland. Ja, natürlich, der Atommüll ist immer noch da, aber wir schienen in Energiefragen auf einem guten Weg zu sein.

Und heute, ein Jahr später?

Plötzlich mehren sich wieder die Rufe nach einer Rückkehr zur Atomkraft. Plötzlich gibt es Versuche, die Energiewende insgesamt wieder zurückzudrehen oder zumindest kleinzumachen. Kriege um Öl und Gas, fossile Energiepreise in ungeahnten Höhen, die weltweite Temperatur auch – und trotzdem wollen Menschen zurück in die „gute alte Zeit“, in der wir Strom mit Kohle, Gas und Atom erzeugten. Und in Umfragen ist plötzlich wieder eine Mehrheit dafür, zur Atomkraft zurückzukehren –  ich denke, wir sind uns hier  einig, dass das kein guter Weg ist.

Jedenfalls: Der energiepolitische Aufbruch scheint abgeblasen zu sein. Unsere radioaktiven Abfälle ebenso wie unser CO2: Darum sollen sich mal unsere Kinder, Enkel und Ururururururenkel kümmern, was geht’s uns an.

Eine Zeit, in der wir jeden Tag die neuesten Nachrichten lesen und nur noch seufzen.

Ich denke in letzter Zeit oft an eine Bibelstelle aus dem Römerbrief. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich euch hier wirklich einen Text von Paulus zumuten will, von dem schon in der Bibel steht, dass er schwer zu verstehen ist. Aber hier, im Römerbrief, Kapitel 8, da schreibt er vom „Seufzen der Natur“. In der modernen Übersetzung der Basisbibel lautet das so:

Wir wissen ja:

Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz
wie in Geburtswehen – bis heute.

Und nicht nur sie: Uns geht es genauso!

Dem Apostel Paulus geht’s hier zwar vor allem ums ewige Leben.

Und trotzdem finde ich: Diese Stelle passt wunderbar in unsere Situation.

Heute, ziemlich genau jetzt vor vierzig Jahren und elf Stunden, hat sich der schlimmste Alptraum der Kritiker der Atomkraft leider bewahrheitet.

Bis heute wirkt Tschernobyl nach.

Fukushima ebenso.

Die ganze Schöpfung seufzt.

Jetzt heißt es wieder, das sei alles beherrschbar, doch allein die Endlagersuche soll noch Jahrzehnte dauern. Wie gefährlich das alles über Jahrzehnte, ja Jahrtausende ist, das sehen wir gerade an der Frontlinie des russischen Angriffskriegs, beim Kernkraftwerk Saporischja.

Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz, wie in Geburtswehen – bis heute.

Und wir mit ihr.

So viel Hoffnung, so viel Zuversicht hatten wir letzten Jahr – und jetzt?

Moment.

Der Text von Paulus enthält ja noch mehr.

Und es geht fast ausschließlich genau darum: Hoffnung.

Ich lese mal den kompletten Abschnitt vor, in der Übersetzung der BasisBibel. Wie gesagt, nicht einfach, vor allem nicht, wenn man ihn nur hören und nicht selbst lesen kann, aber ihr schafft das schon.

18Ich bin überzeugt:
Das Leid, das wir gegenwärtig erleben,
steht in keinem Verhältnis
zu der Herrlichkeit, die uns erwartet.
Gott wird sie an uns offenbar machen.

19Die ganze Schöpfung wartet doch sehnsüchtig darauf,
dass Gott die Herrlichkeit seiner Kinder offenbart.

20Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen,
allerdings nicht durch eigene Schuld.
Vielmehr hat Gott es so bestimmt.
Damit ist aber eine Hoffnung verbunden:

21Denn auch die Schöpfung wird befreit werden
aus der Sklaverei der Vergänglichkeit
Sie wird ebenfalls zu der Freiheit kommen,
die Gottes Kinder in der Herrlichkeit erwartet.

22Wir wissen ja:
Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz
wie in Geburtswehen – bis heute.

23Und nicht nur sie: Uns geht es genauso!
Wir haben zwar schon als Vorschuss
den Geist Gottes empfangen.

Trotzdem seufzen und stöhnen auch wir noch
in unserem Innern.

Denn wir warten ebenso darauf,
dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt.

Dabei wird er auch unseren Leib
von der Vergänglichkeit erlösen.

24Denn wir sind zwar gerettet,
aber noch ist alles erst Hoffnung.

Und eine Hoffnung, die wir schon erfüllt sehen,
ist keine Hoffnung mehr.

Wer hofft schließlich auf das,
was er schon vor sich sieht?

25Wir aber hoffen auf etwas,
das wir noch nicht sehen.

Darum müssen wir geduldig warten.

„Wir hoffen auf etwas, das wir noch nicht sehen“, schreibt Paulus. Ja, er meint hier eigentlich vor allem das ewige Leben. Aber das darf uns nicht dazu verführen, dass wir sagen „na ja, irgendwann wird eh alles anders, hier in diesem Leben machen wir nix“. Ganz im Gegenteil! Jesus sagt es ja immer wieder: Unsere Aufgabe ist es, hier für die da zu sein, die schwach sind, die benachteiligt sind. Für die Menschen – aber auch für die ganze Schöpfung, die stöhnt. Und wir stöhnen ja mit.

Diese Welt ist zum Stöhnen.

Aber auch zum Hoffen.

Wir hoffen auf etwas, das wir noch nicht sehen, schreibt Paulus. Ja, so ist es. Von der schönen, gerechten und naturverbundenen Welt, die wir so gerne hätten, sind wir weit entfernt, wir sehen sie nicht, und immer weniger auch den Weg dahin.

Paulus schreibt: Wir sind schon gerettet. Aber noch ist alles erst Hoffnung.

Das treibt mich an, es immer wieder zu versuchen.

Auch, wenn sich alles rückwärts zu bewegen scheint:

Immer wieder aufbrechen.

Mich gegen den Strom stellen.

Von vorn beginnen.

Voller Hoffnung.

Amen.