Predigt im Urlaubergottesdienst: Angespült - Mammutzähne
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Immer wieder, wenn ich am Meer stehe, bin ich vollkommen fasziniert von dieser unbegreiflichen Weite. Das Meer: Es war schon vor Millionen Jahren da. Und es wird noch lange sein, wenn wir alle hier nicht mehr sind. Menschen standen vor Jahrtausenden an der Küste und haben aufs Meer geblickt, genau wie wir heute. Und Menschen stehen genau zur gleichen Zeit Tausende Kilometer entfernt an einer anderen Küste und schauen hinaus auf das gleiche Meer, das ewig zu wogen scheint.
Und manchmal, da spuckt dieses Meer Dinge aus, die es unendlich lange aufbewahrt hat. Nur ein großer Zufall ist es, wenn wir sie finden.
So wie dieses hier. Ich hätte darin gar nichts erkannt, muss ich ehrlich sagen. Rini sagt, es sind Mammutzähne.
Zähne von einem Wesen, das vor noch viel unvorstellbareren Zeiträumen lebte. Nur diese Zähne zeugen noch davon, was es war. Woanders fanden sich Knochen und unsere Urururvorfahren malten Mammuts an Höhlenwände. So alt ist das hier.
Und dann steh ich am Meeresufer und höre die Wellen rauschen. So wie dieses längst vergangene Wesen es wohl auch einmal tat. Und ich staune über die Größe dieser Erde. Über die Größe der Zeit. Die Wellen kommen und gehen seit Jahrtausenden. Und doch ist keine wie die andere. Keine ist überflüssig. Keine kommt zweimal.
Ganz ganz klein könnte ich mich fühlen in diesem Moment. Vor zehntausend und mehr Jahren lebte dieses Mammut. Das Meer war schon da. Und Gott war schon da. Und heute stehe ich hier. Und Gott ist da. Und in zehntausend Jahren wird das Meer immer noch sein. Jemand oder etwas anderes wird am Meer stehen und hinausblicken. Und Gott ist immer noch da.
Und ich denke an den Psalm 90: „Tausend Jahre sind vor dir, Gott, wie der Tag, der gestern vergangen ist“.
Dieser Mammutzahn erinnert daran. Er hat Zehntausende Jahre überdauert. Menschen kamen und gingen. Eiszeiten kamen und gingen. Das Meer stieg und fiel. Und irgendwann wurde dieser Zahn hier an den Strand gespült. Heute halten wir ihn in der Hand. Morgen liegt er vielleicht wieder irgendwo im Sand.
„Tausend Jahre sind vor dir, Gott, wie der Tag, der gestern vergangen ist“.
Und auf einmal wirken unsere alltäglichen Zeitprobleme wie aus einer anderen Welt. Der Termindruck, der verpasste Zug, die Sorgen, ob dieses oder jenes klappen wird: Für Gott ist unsere Zeit eine andere als für uns. Und doch ist ihm kein Augenblick unseres Lebens gleichgültig. So, wie jede Welle im Meer anders und einmalig ist, so ist auch dein Leben anders und einmalig und wichtig vor Gott.
Trotz all dieser großen Unendlichkeit: Gott ist da. Heute. Morgen. Jeden Tag. Gott ist da. Bei dir. Bei mir. Wir haben hier, an diesem bestimmten Moment in der Weltgeschichte, unseren Platz und Gott sorgt für uns. Gott kennt dich. Gott kennt deine Sorgen. Deine Zweifel. Deinen Stress.
Aber jetzt, hier im Urlaub: Jetzt kannst du die Zeit auch mal einfach laufen lassen. Die Erde hat es Jahrtausende, ja Jahrmillionen ohne dich geschafft, da wird sie mal ein, zwei Wochen ohne dich auskommen. Jetzt ist Zeit für dich. Für die Familie. Für das, was sonst immer liegen bleibt, und ich meine nicht die Arbeit. Und: Es ist Zeit für Gott.
Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht, ich glaube, das ist ein irisches Sprichwort.
Jedenfalls: Gott hat genug Zeit für uns gemacht. Zeit, die wir hier im Urlaub verbringen können. Mal nicht unter Druck stehen. Mal ausschnaufen können. Mal aufmerksam auf die Menschen um mich herum achten. Gute Gespräche führen oder ein gutes Buch lesen. Spazierengehen, wandern, fahrradfahren, mit den Kindern was unternehmen, was auch immer.
Sollte es nicht viel öfter so sein?
Der Psalm 90 besteht nicht nur aus diesem einen Vers. Da ist zum Beispiel noch dieser, den wir vielleicht im Urlaub gar nicht so gerne hören:
„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“.
Aber doch, den finde ich sehr wichtig. Nicht so sehr wegen dem Gedanken an den Tod, sondern wegen dem „klug werden“. So unendlich die Zeit der Erde zu sein scheint, so endlich ist unser Anteil an dieser Zeit.
Was willst du damit anfangen, mit deiner geschenkten Zeit?
Willst du dich ärgern über den verpassten Zug, die unbeantwortete Mail, die nahende Deadline für ein Projekt, die verpatzte Schulaufgabe, den Streit in der Familie?
Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht. Aber unser Anteil an dieser Zeit ist – jedenfalls auf dieser Welt – nicht unendlich.
Mag sein, dass dein Leben nur eine kleine Welle in diesem unendlichen Ozean der Zeit ist. Aber es ist nicht umsonst.
Was willst du damit anfangen?
Wie gestaltest du dein Leben?
Was ist dir wichtig?
Vielleicht bleibt dir ein bisschen Gelassenheit aus der Urlaubszeit auch über den Urlaub hinweg.
Vielleicht setzt du deine Prioritäten neu, wenn du wieder zu Hause bist.
Vielleicht gelingt es dir: Klug zu werden. Deine Zeit klug zu nutzen. Es ist doch genug davon da. Und: Gott ist dabei.
Wenn du heute noch einmal am Meer stehst und die Wellen beobachtest, denkst du vielleicht an dieses Mammut, das irgendwann genau dieses Meer gesehen haben könnte. Und es erinnert dich daran: Gott war damals schon da. Gott ist heute da, wenn du vielleicht mit den Kindern oder Enkeln Muscheln sammelst. Und Gott wird auch morgen da sein, wenn diese Kinder selbst mit ihren Enkeln am Meer stehen.
Und irgendwo dazwischen, in dieser unendlich großen Geschichte Gottes, liegt dein Leben. Nicht zufällig. Nicht bedeutungslos. Sondern von Gott gewollt und begleitet.
Wenn du wieder daheim bist und nach dem Urlaub den Kalender aufschlägst – wird etwas anders sein? Sicher wird sich nicht alles auf einmal ändern lassen, das wäre eine Überforderung. Aber:
Es ist dein Leben. Es ist deine Zeit. Von Gott geschenkt.
Amen.
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