Predigt beim MehrWegGottesdienst: Hast du was an den Ohren?

Ansprache im MehrWegGottesdienst am 22.3.2026

Text Maria und Martha – Lk 10, 38-42

Klangschale – Dong

Schon wieder diese Klangschale. Uff. Vorhin im Anspiel hab ich gesagt, dass mich das eher nervt als beruhigt, und ja, das ist wirklich so.

In der Geschichte von Maria und Martha, die wir am Anfang gehört haben, bin ich wohl eher die Martha. Die, die gleich in Aktion verfällt.

Das hier ist noch zu erledigen.
Und jenes. 
Und alles ganz dringend, und wir haben ja Gäste, da muss alles perfekt sein!

41Aber der Herr antwortete:
»Marta, Marta! Du bist so besorgt
und machst dir Gedanken um so vieles.

42Aber nur eines ist notwendig:
Maria hat das Bessere gewählt,
das wird ihr niemand mehr wegnehmen.«

Hm. 
Hab ich was an den Ohren?

Will ich selber nicht hören auf das, was Jesus mir sagt?

Die Geschäftigkeit ist ja auch sehr praktisch. 
Keine Zeit, innezuhalten, keine Zeit, auch das Unangenehme zu hören.

Natürlich ist die Bibel wichtig für mich. Bin ja schließlich Pfarrer.
Aber – vielleicht will ich ja gar nicht genau hinhören.

Ich ahne ja, was ich hören würde.
Dass ich mich ändern müsste.
Dass ich jemanden anders sehen müsste.
Dass ich nicht recht habe.

Manche wollen vielleicht auch nicht hinhören,
weil ihre Ohren von lauten, falschen Worten aus ihrer Kindheit verstopft sind. 
Worte von einem strafenden, rachsüchtigen Gott, 
der Angst macht statt zu lieben und uns aufzurichten.

Vielleicht will ich gar nicht hinhören auf das, was Gott mir sagt.
Weil es nicht zu meinem Bild von der Welt passt.
Weil das, was Gott mir sagen will, nicht passt zu meiner persönlichen Schwarz-Weiß-Einteilung der Welt.
Weil ich das gar nicht hören will.

Und gleichzeitig:
Nicht jedes Nicht-Hinhören ist gleich falsch.

Nicht jedes Nicht-Erzählen ist falsch.
Manches ist auch Selbstschutz.

Wir leben in einer Welt, die ständig etwas von uns will.
Nachrichten, Meinungen, Krisen, Erwartungen.

Und manchmal setze ich mir ganz bewusst Kopfhörer auf. (Kopfhörer auf)
Nicht, weil mir alles egal ist.
Sondern weil ich sonst gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.

Auch Jesus ist nicht immer stehen geblieben, wenn jemand etwas von ihm wollte.
Auch er hat sich zurückgezogen. In die Stille.



Und ich merke:
Das ist etwas anderes als mein Ausweichen.

Jesus nahm sich Zeit, hielt die Stille aus, das Nichtstun.

Meistens bin ich anders:

Lieber hab ich was an den Ohren.

Lieber hör ich nicht so genau hin.

Lieber bin ich wie Martha.

Immer was zu tun.

Der US-Politiker James Talarico hat neulich in einem Interview einen sehr nachdenkenswerten Satz gesagt:

„Christsein ist sehr einfach: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Aber das heißt nicht, dass es leicht ist.“

Denn wenn ich dann nachfrage: Wer ist denn gemeint? Dann wird es schnell anstrengend.

Sobald der Nächste ein Gesicht bekommt, wird es kompliziert.

Da bringt es die Karikatur hier im Liedblatt auf den Punkt. „Und wenn er Flüchtling ist oder schwul?“ – „Hast du was an den Ohren?“

ALLE sind gemeint mit „Liebe deinen Nächsten“.

Auch die, die mir fremd sind.

Auch die, die ich gar nicht leiden kann.

Die, vor denen ich Angst habe.

Die, die auf Social Media und im echten Leben Hass und Hetze verbreiten, ja, auch die.

Das heißt ja nicht, dass ich ihnen nicht widersprechen kann und muss. Auch Jesus hat mit vielen gestritten und wurde am Ende sogar umgebracht.

Aber ich darf mich nicht selbst in den Hass und die Hetze reinziehen lassen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

„Liebe deinen Nächsten“ ist nicht schwer zu verstehen, aber es ist schwer auszuhalten.


 

Jesus sagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Ja, das ist wirklich eine Herausforderung.

Nicht nur den Menschen zuhören, das ist schwer genug, wenn ich es ernst nehme.

Sondern: Auf Gott hören.

Auf das, was Gott mir sagen will.

Und nicht nur auf das, was ich gerne von Gott hören will.

Bei anderen sehe ich das sofort.
Da denke ich mir:
Wie kann man nur so mit der Bibel umgehen?

Ich sehe, wie Menschen sich irgendwas aus der Bibel holen und meinen, sie täten Gottes Willen, wenn sie Andersdenkende verspotten, Ausländer abschieben oder gar Kriege beginnen.

Und ich merke:
Ich bin da ganz schnell im Urteil.
Vielleicht sogar schneller als im Zuhören.

Wo verurteile ich andere?

Mir fällt eine Begegnung ein, die mir bis heute nachgeht:

Ein Mann, dessen Vater ich beerdigen sollte. Wild tätowiert, auch die Kleidung eher so Richtung Heavy Metal. Oh je, das kann ja was werden, dachte ich. Es wurde dann eines der tiefgehendsten, wertschätzendsten Beerdigungsgespräche, die ich je erlebt habe.

 

Ehrlich hören auf das, was Gott mir sagen will.

Maria ist da ein Vorbild.

Aber: Maria ist auch nicht alles.

Maria hört.
Martha handelt.

Und ehrlich gesagt: Wir brauchen beides.

Aber vielleicht in der richtigen Reihenfolge.

Denn erst wenn ich gehört habe, was Gott will, dann kann und muss ich handeln.

Dann gibt es viel zu tun.

Für eine bessere Welt, in der wir aufmerksam sind für die Nöte aller Menschen.

Für eine bessere Welt, in der wir die Ohrenschützer abstreifen und radikal ehrlich auf Gottes Willen hören: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Für eine bessere Welt, in der wir nicht in Aktionismus verfallen, sondern in der am Anfang jeder Aktion eines steht:

Zuhören.

Den Menschen.

Und Gott.

Amen

(Kopfhörer ab)

(Klangschale – dong)