Predigt im Urlaubergottesdienst: Angespült - Plastikabfall

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Letzte Woche hatten wir so einen faszinierenden, uralten Mammutzahn hier im Gottesdienst, der eines Tages am Strand angespült wurde. Und heute? Heute bringe ich diesen hässlichen Plastikabfall mit. Was soll denn das? Fragen Sie sich vielleicht. Und denken gleich „na ja, das wird die übliche Predigt zu Umweltschutz und wir müssen die Schöpfung bewahren und so weiter, Plastik ist böse und und und, das kann ja langweilig werden.“

Nee, ehrlich, das wäre mir auch zu langweilig. Ist zwar alles richtig, aber das wissen wir doch alles schon, selbst wenn wir viel zu oft nicht danach handeln.

Wenn diese Plastikstücke reden könnten: Was würden sie uns alles erzählen können?

Woher kommen sie?

Wie lange schwammen sie schon im Meer? Nur ein paar Tage? Ein paar Wochen? Jahre? Jahrzehnte? Kamen diese Teile von hier? Wurden sie an einem fernen Ort ins Meer geweht?

Vermutlich wurden sie nicht absichtlich irgendwo liegen gelassen. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ein Mensch, irgendwann, irgendwo, hat das hier verloren. Ein Windstoß, und es war weg.

Und seitdem führte dieses Plastik ein Eigenleben. Auf den Wellen, irgendwo, eines Tages am Strand, dann in den Händen von Rini und der Gruppe „buiten gewoon schoon“, die hier den Strand nach Fundstücken absucht.

Ich spüre eine seltsame Verbindung zu diesem Menschen von damals. Niemals hätte er oder sie sich träumen lassen, dass dieses Stück Plastik einmal in einem Gottesdienst vorkommen würde.

Dinge, die wir aus der Hand geben, führen oft ein Eigenleben. 

So ist unser Leben oft: Wir tun irgend etwas. Und wir haben keine Ahnung, was wir damit auslösen. Wir lächeln einen Menschen an – und er oder sie gibt das Lächeln weiter. Und der oder die wieder. Und am Ende dieser Lächel-Reihe steht vielleicht jemand ganz anderes, den wir gar nicht kennen. Und weil heute so eine positive Stimmung ist, traut er sich, endlich seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Ja, weit hergeholt, ich weiß, aber unmöglich?

Mit schlechter Laune geht das natürlich auch. Brauch ich glaube ich nicht weiter auszuführen. Zu einem Heiratsantrag wird’s eher nicht führen, höchstens zu einer Trennung.

Und manchmal wird aus etwas Schlechtem plötzlich etwas Gutes. So wie dieses Plastikstück zum Anschauungsobjekt in einem Gottesdienst wurde, wie unwahrscheinlich ist das denn?

Dinge, die wir aus der Hand geben, ob bewusst oder unbewusst, führen ein Eigenleben.

Das gilt für Müll.

Aber genauso für Worte.

Für Freundlichkeit.

Für Hass.

Für Liebe.

Für Hoffnung.

Für Verletzungen.

Wir wissen nie, wo sie eines Tages ankommen.

Etwas ganz Kleines kann eine große Wirkung haben.

Und von den kleinen Dingen redet Jesus sehr viel in seinen Gleichnissen. Davon, dass sie Bedeutung haben. Dass sie wichtig werden können und groß. Wir haben ja lieber die großen, bedeutungsschweren Dinge. Da fühlen wir uns auch selber gleich wichtig.

Aber Jesus erzählt dauernd von kleinen Dingen.

Ein Samenkorn.

Ein Sauerteig.

Ein Becher Wasser.

Fünf Brote.

Zwei Fische.

Ein Senfkorn.

Von dem Senfkorn haben wir gerade schon gehört. Ich lese das noch einmal vor:
 

30 Dann fragte Jesus:
»Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen?
Mit welchem Gleichnis können wir es beschreiben?

31 Es ist wie bei einem Senfkorn:
Wenn es in die Erde gesät wird,
ist es das kleinste aller Samenkörner,
die ausgesät werden.

32 Aber wenn es ausgesät ist,
geht es auf und wird größer als alle Sträucher.
Es bringt so große Zweige hervor,
dass die Vögel in seinem Schatten ihr Nest bauen können.«

Wo möchtest du Senfkorn sein? Was möchtest du bewirken? Nicht die großen Sachen. Etwas ganz kleines. Vielleicht kann es eine ganz kleine Änderung in deinem Leben sein, so wie das Senfkorn. Vielleicht reicht’s, fünf Minuten früher aufzustehen, um morgens in Ruhe deine Gedanken zu sammeln. Vielleicht muss es etwas mehr sein als das. Vielleicht bist da aber auch genau richtig, da, wo du gerade bist, und du willst und musst gar nichts ändern.

Unser Stück Plastik: Es erinnert uns daran, wie Dinge weiterwirken. Plastik verrottet praktisch nicht. Wäre es nicht an Land gespült worden, würde es noch in Jahrzehnten durchs Wasser schweben, nur langsam von den Wellen zerkleinert.

Was bewegt dich, so wie die Wellen das Plastik bewegt haben? Was möchtest du bewegen in der Welt, und wenn es etwas ganz kleines ist? Welche Welle willst du reiten? Wo reibst du dich auf? Was wird von dir bleiben, eines Tages, sagen wir: In fünfhundert Jahren? Wird es eine Plastikflasche sein – oder vielleicht ein Lächeln, das einem Menschen Mut gemacht hat und das sein Leben und das aller Menschen nach ihm zum Besseren verändert hat?

Gutes bleibt. Es wirkt weiter.

Schlechtes auch.

Und das meiste in unserem Leben ist von beidem etwas.

Es ist deine Entscheidung, was von deinem Leben bleibt.

Es ist deine Entscheidung, welche Spuren dein Leben hinterlässt, und seien sie noch so klein in deinen Augen. Was aus ihnen wird, das liegt dann sowieso in Gottes Hand.

Wir wissen nie, was aus einem freundlichen Wort wird.

Vielleicht versandet es.

Vielleicht verändert es ein Leben.

Das liegt nicht mehr in unserer Hand.

Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott auch aus kleinen Dingen Großes wachsen lassen kann.

Welche Spuren Gott hinterlassen will, das sagt Jesus uns immer wieder ganz deutlich: Spuren der Liebe. Diese Spuren mögen ganz ganz klein und unscheinbar aussehen. Aber: Sie wirken weiter. Sie machen die Welt besser. Und sie enden nie.

Denn: Die Liebe hört niemals auf.

Amen.