Predigt beim MehrWegGottesdienst: Frühling, Sommer, Herbst und Kirche

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Der Herbst ist da!

Wurde ehrlich gesagt auch Zeit.

Die ganze Zeit war’s zu warm für die Jahreszeit.

Gestern Regen, heute 10 Grad.

Die Blätter fallen, die Felder sind geerntet,

die Natur zieht sich zurück.

Manchmal haben wir auch im eigenen Leben solche Phasen.

Die Energie reicht nicht mehr.

Du ziehst dich zurück.

Dein Leben wird karger.

Die Blätter fallen.

Was früher grünte und blühte, ist nur noch eine Erinnerung.

Und, um zum Titel unseres Gottesdienstes zu kommen:

In der Kirche ist das auch so.

Was früher blühte, ist heute nur noch verwelkt.

Auch dieser Gottesdienst – ich will darüber nicht klagen,

aber es gab Zeiten, da haben 100 Liedblätter nicht ausgereicht.

Wir werden weniger.

Weniger Gemeindeglieder, weniger Hauptamtliche, weniger Gebäude und auch Kirchen.

Ich will darüber nicht klagen. Nur feststellen.

Und dann denk ich mir: Wir haben den Titel eigentlich falsch gewählt.

Wir sind als Kirche noch gar nicht im Winter angekommen.

Das ist erst der Herbst.

Die Blätter fallen.

Die Gemeindehäuser werden weniger.

Gruppen und Kreise werden kleiner.

Der Winter: Der kommt erst noch.

Für die, die sich noch an blühende Gruppen und volle Kirchen erinnern – und die Erinnerung vielleicht manchmal auch ein bisschen verklären – wird das eine harte, kalte Zeit.

Auch das kennen wir aus unserem Leben: Die kalten, harten Zeiten.

Die Zeiten, in denen fast alles zum Erliegen kommt.

Manchmal gibt’s keinen Herbst, um sich darauf vorzubereiten.

Ein plötzlicher Tod. Eine schwere Krankheit.

Alles kann uns in den Winter des Lebens reißen.

Und dann hast du das Gefühl: So wird es für immer bleiben in meinem Leben.

 

So pessimistisch heute, alles, was ich hier sage.

Aber ich hab noch den Jesaja von vorhin noch im Ohr.

Jesaja. Babylonisches Exil. Alles zerstört, keine Orientierung mehr, die Oberschicht verschleppt nach Babylon, der König tot.

Eiskalter Winter für Israel. Keine Zukunft in Sicht.

Und Jesaja sagt mitten in diesem wirklich trostlosen gefühlten Winter:

14So spricht der Herr, euer Erlöser, der Heilige Israels, der im Meer einen Weg und in starken Wassern Bahn macht:

18Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!

19Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
Jahrzehnte hat es gedauert, bis Israel tatsächlich einen neuen Anfang wagen konnte. Einen Anfang, an den eigentlich niemand mehr wirklich geglaubt hatte.

„Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“

Wenn ich so darüber nachdenke:

Winter ist nicht nur Ruhezeit. Das auch, und sie ist auch wichtig, um wieder Kraft zu schöpfen.

Winter ist auch die Zeit, in der im Verborgenen schon vieles wächst, was wir erst später sehen.

Jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Die Zwiebeln der Frühlingsblumen, sie sind schon da.

Die Nadelbäume, sie bleiben grün.

Im Wald und im Garten unter Laub und Ästen verstecken sich Tiere.

Manche halten Winterschlaf.

Andere schlagen sich so durch.

Aber irgendwann kommt er:

Der erste Frühlings-Sonnenstrahl.

Die Schneeglöckchen und Krokusse sprießen aus dem Boden.

Die Igel kommen aus dem Gebüsch.

Die Vögel bauen neue Nester.

Neues Leben wächst.

Wenn du in deinem Leben im Winter angekommen bist:

Dann kannst du dir das oft nicht vorstellen.

Wo soll da was Neues wachsen?

Was soll denn noch gut werden?

Frühling? Das gibt’s für mich nicht mehr.

Und ja, in manchen Situationen scheint es so zu sein: Der Winter siegt.

Wenn du sterbenskrank bist. Oder jemand, den du liebst.

Wenn keine Hoffnung mehr besteht auf Genesung.

Doch selbst da gibt es Momente, die mir Hoffnung machen:

Menschen, die lang mit ihrem Schicksal hadern,

und dann doch ihren Frieden schließen.

Menschen, die am Ende sagen können: Es war gut.

Und die dann erlöst gehen können.

Auch das ist nicht immer so, ich weiß.

Aber auch für die, die niemals aufgeben, die bis zum Schluss kämpfen und trotzen, oder für die, die keine Energie mehr haben, glaube ich fest:

Gott hat sie alle in der Hand.

Dich. Mich. Und diese Menschen.

Und Gott hat für uns alle einen neuen Frühling.

Denn Gott hält uns in der Hand, über den Tod hinaus.

 

Immer noch so ernst. Zurück zum Winter in der Kirche.

Vielleicht ist es da ja genauso?

Vielleicht gibt es auch bei uns schon Dinge, die wachsen, die wir nur nicht sehen?

Kleine Bewegungen.

Gebetskreise, irgendwo im Stillen.

Alte und neue Formen des Gebets, des Gottesdienstes.

Menschen, die zusammenkommen und Gemeinschaft feiern.

Und jetzt muss ich auch nochmal auf unser Pizza-Bild zurückkommen:

Vielleicht sind da im Schrank irgendwo auch schon neue Zutaten, die erstaunlich gut schmecken. Vielleicht hast genau du eine Idee, was wir wirklich mal ausprobieren sollten. Vielleicht ergeben sich ganz neue Bewegungen. Vielleicht probieren wir auf unserer Glaubens-Pizza auch mal was ganz Neues – der Boden, der Glaube an Jesus Christus, der bleibt ja gleich. Aber oben drauf? Ananas? Ich kenne eine Wirtschaft, die machen die Pizza Schinken Ananas sogar mit einer Sahnesoße. Sehr lecker. Und einmal hat die Pizzabäckerin versehentlich die Meerrettichsoße auf den Teig getan, das wieder abgekratzt und die Sahnesoße drüber. Man sollte es nicht glauben, aber das war so lecker, das haben wir nochmal bestellt. Also – einfach mal was ausprobieren. Und wenn’s nix ist, dann was anderes. Und das, das gilt auch wieder sowohl für dein eigenes Leben als auch für uns als Kirche.

Viel wird sich ändern, in unserem Leben, in der Kirche, da bin ich sicher.

Ich bin auch sicher: Gott wird es gut machen.

Eins will ich zum Schluss noch erzählen:

Vor ein paar Jahren waren wir mit vielen Hauptamtlichen – Pfarrer:innen und anderen Berufsgruppen – in Rotterdam. Die sind uns, was Entkirchlichung angeht, mindestens zehn Jahre voraus. Da gibt’s ganze Stadtviertel, wo einfach nichts mehr ist. Oder: Fast nichts. Keine Gemeinde jedenfalls.

Kleine Gemeinschaften entstehen. Ein Raum wird angemietet, die Leute fragen erst mal in der Nachbarschaft: Was braucht ihr eigentlich?

In einem Viertel, das stark von Migration geprägt ist, hatte vor zwei, drei Jahren ein christlicher Laden aufgemacht, den wir besucht haben. Und sie hatten vor allem die muslimischen Frauen gefragt: „Was braucht ihr denn?“ Sie waren sich sicher, die sagen: „Fahrrad fahren lernen“, von wegen Holland und so. Aber nein, es wurde ein Schwimmkurs. Und das wurde dann die Basis für vieles andere.

Direkt hinterm Bahnhof gab’s eine andere Gemeinschaft. Die ist ganz bewusst bunt gemischt und mehrsprachig, so wie’s halt an einem Großstadtbahnhof zugeht. Und noch manche mehr haben wir kennen gelernt.

So gibt’s neue Keimzellen auch da, wo sie keiner vermutet. Neue Zutaten, an die bisher keiner gedacht hatte. Jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Der niederländische Pfarrer, der uns in diesen Tagen begleitet hat, hat über diese neuen Aufbrüche in Rotterdam ein Buch geschrieben. Und das trägt ausgerechnet den Titel: Lente in de kerk. Frühling in der Kirche.

Also – haben wir keine Angst vor dem Winter. Nicht im eigenen Leben, nicht in der Kirche. Winter gehört dazu. Aber auch die Überzeugung, der feste Glaube: Der Frühling kommt.

Jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Amen.